Geschichtliches

 

Bis zur Franzosenzeit (1794-1814) bestand das heutige Dorf Raeren, Teil der Großgemeinde gleichen Namens, aus zwei verschiedenen Gemeinden: Alt-Raeren, nord-östlich der Hauptstraße und Neudorf gegenüber im Südwesten derselben. Unsere Kirche lag, wenn auch auf Neudorfer Gebiet, so doch direkt an der Grenzlinie zwischen beiden Dörfern, deren Ein­wohner sie stets als gemeinsames Gotteshaus betrachteten.

Diese, durch Erlass der Exekutive der Deutschsprachigen Ge­meinschaft vom 16.1.1986 unter Denkmalschutz gestellte Pfarrkirche, wurde 1728 fertiggestellt. Pastor Aegidius Momber (1698-1728), der kurz nach ihrer Vollendung starb, gilt als der »Erbauer« unserer Kirche. Der Aachener Stadtbaumeister Lau­renz Mefferdatis entwarf die Pläne.

Kurz zuvor hatte er die Eu­pener St.-Nikolaus-Pfarrkirche konzipiert; daher erklärt sich die ähnliche Stilrichtung im Innenraum beider Gotteshäuser.

 

Doch dürfen wir uns das Gebäude nicht so vorstellen, wie es heute aussieht. Die erste Ausführung war um zwei Joche kür­zer, und der Turm stand seitlich, teilweise auf dem „Großen Friedhof“ (Westseite). 1847 wurde das 13,5 m breite Kirchen­schiff um 12 Meter auf 33,5 m verlängert und der neue Turm dem Chor gegenüber errichtet.

 

Äußerst merkwürdig kommt uns der alte, seitlich stehende Turm vor: Warum sollte, aller architektonischer Gepflogenheit entgegen, der Turm nicht am Kopfe der Kirche gebaut worden sein? Hatte man von vornherein eine Vergrößerung nach vorne einkalkuliert? Oder war der Turm gar ein Überbleibsel der ge­nau um 100 Jahre älteren Vorgängerin von 1628, die vermut­lich quer gerichtet war? Auffallend ist jedenfalls, dass besagter Turm bei einem Alter von 60 Jahren (1788) schon baufällig ge­wesen sein soll: Damals plante Pfarrer Vincken bereits eine Ver­größerung der Kirche und den Abbruch des Turmes. Im Grundriss eines Vergrößerungsprojektes von 1812 ist in der in diesem Turm befindlichen Taufkapelle ein alter Eingang an der Westseite (Neudorf) zu erkennen. Diese Tatsachen bekräftigen gewissermaßen die berechtigte Vermutung, dass 1728 kein neuer Turm erbaut wurde.

 

Nach dem im Jahre 1842 angefertigten Bauplan zur Vergrö­ßerung, war der alte Turm nur 26 m (83 Fuß Rhid.) hoch, al­so 16 Meter niedriger als der jetzige (42 m). Er stand somit in keinerlei Größenverhältnis zur Höhe des Kirchenschiffes (17 m). Zugang zu diesem Turm, in dem sich ,wie erwähnt ,die Taufka­pelle befand, hatte man nur durch die Kirche.

 

Im linken Seitenschiff der heutigen Kirche sind auf dem Schlussstein der Gewölberippen des letzten Jochs vor der Or­gelbühne die drei göttlichen Tugenden durch ihre Symbole dargestellt: ein Kreuz für den Glauben, einen Anker für die Hoff­nung und ein Herz, das aus einem Kelche hervorragt, für die Liebe. Es ist anzunehmen, dass man bei der Vergrößerung der Kirche so an die genaue Lage dieser ehemaligen Taufkapelle erinnern wollte. Oder war das Gewölbe bereits in seiner jetzigen Form in dieser Taufkapelle vorhanden?

 

Einer noch älteren Kirche oder Kapelle, die man mit dem Schloß Titfeld in Verbindung bringt, war im Jahre 1612 ein ge­waltsames Ende durch Brandschatzung bereitet worden. Wo sie genau gestanden hat, geht nicht aus den urkundlichen Er­wähnungen hervor. Ob es sich dabei nun schon um die nach Dr. Michel Kohnemann (Festschrift 1954) in den Jahren 1415 und 1497 in Urkunden erwähnte »Kirche zu Titfeld« handelt, ist nach seiner Ansicht leider nicht erwiesen.

 

1847 sind rechts zwei Säulen, links jedoch anscheinend drei hinzugefügt worden, denn an der Stelle der drittletzten erhob sich früher das Gemäuer der inneren Turmecke. Schon man­cher Kirchenbesucher hat sich über die außergewöhnliche Breite des von dieser Säule ausgehenden kleinen Gurtbogens und die weniger auffallende Breite des Arkadenbogens (zwi­schen zwei Säulen) gewundert und gar Überlegungen zur Ent­rätselung dieser sonderbaren Unregelmäßigkeit angestellt. Sie ist ganz einfach dadurch zu erklären, dass diese beiden Bögen Überreste des alten Turmgemäuers tragen, dessen Außen­maße über dem Gewölbe noch deutlich zu erkennen sind. Die fünf Säulen des Erweiterungsbaues unterscheiden sich von den älteren durch ihre viel höheren Teilstücke. Nach der münd­lichen Überlieferung sollen sie aus den Steinbrüchen zwischen Bachstraße und Neudorferberg stammen.

 

Die Giebel-Turm-Flucht verlief also zwischen dem fünften und sechsten Fenster, d.h. genau unter der heutigen Orgelbrü­stung. Auf dem Kleinen Friedhof (Osten) ist unten im Gemäuer an einem schweren Blausteinquader die Anbaugrenze noch leicht zu erkennen.

 

Am Fest des hl. Nikolaus 1720 brachte Pfarrer Momber auf einem Tragaltar das erste Messopfer in der neuen Kirche dar. Nach neun Jahren Bauzeit war der Rohbau der Kirche vollen­det; sie konnte schon 1728 nach vorläufiger Benediktion für den regelmäßigen Gottesdienst benutzt werden. Die eigentli­che Einweihung durch den Generalvikar von Lüttich erfolgte erst 42 Jahre später, am 20. Juni (Johannes) 1770, hundert Jahre nach der Erhebung Raerens zur eigenständigen Pfarre (1670).

 

In der Konsekrationsurkunde lesen wir unter anderem: »... und wir gestatten. dass dieser Jahrestag am 2. Sonntag im Juli gefeiert wird. « Dieses Kirchweihfest wurde jedoch 1778 auf den Sonntag vor dem Fest des hl. Johannes verlegt. Heute wird die Kirmes am Sonntag nach dem 15. August gefeiert.

 

Den Raerenern war stets daran gelegen, aus ihrer Kirche ein Schmuckkästchen zu machen. Unterhaltsarbeiten wurden aus eigenen Mitteln finanziert. Sicher gab es auch wohlbemittelte Spender, u.a. den Freiherrn Wilhelm von Wicherding (Bergscheid), der trotz vorausgegangener Meinungsverschiedenhei­ten helfend einsprang, als, beim Bau die Mittel ausgingen.

 

Dank der Klassifizierung als erhaltenswürdiges Denkmal ist 1991 eine Außenrestaurierung für 12 Millionen Bfrs in Angriff ge­nommen worden. Die vor der Kirche befindliche Stützmauer er­wies sich während dieser Arbeiten als baufällig und musste er­neuert werden (2 Mill. F). Der Turm wurde zuerst in Angriff ge­nommen, die Schieferbedachung komplett erneuert, desglei­chen das Balkenmittelstück (König) die Kirchturmspitze, der Hahn neu vergoldet, das Metallkreuz ebenfalls überarbeitet. Gleichfalls wurde der Dachreiter des »Klippchens«( kleine Glocke ) nach sei­nem alten Vorbild ersetzt und das komplette Kirchendach neu gedeckt. Die Abdichtung des Mauerwerks und Trockenlegung folgten.